"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

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Das muss er sich gefälligst gefallen lassen…

Mythos „Mein Hund muss sich das Futter / die Futterschüssel nehmen lassen.“
Wirklich? Wir sagen: „NEIN!“ Warum sollte er? Damit der Mensch „Macht“ demonstrieren kann? Letztlich sagen wir unserem Hund damit nur, dass wir nicht berechenbar sind, erziehen uns Schlinger – schließlich will ja lebensnotwendige Ressource gesichert werden, oder wir sehen uns mit einem knurrenden Hund konfrontiert, der nun wirklich nicht will, dass man ihm nimmt, was nun einmal überlebensnotwendig ist.
Woher kommt dieser Mythos?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Es bleibt lediglich zu vermuten, dass dieser Mythos aus einer Zeit stammt, in der man sich den Hund Untertan machen, seine eigene Macht gegenüber dem Hund zeigen wollte. Es mag auch der Irrglaube bestehen, dass ranghöhere Tiere den rangniedrigeren Tieren die Beute grundsätzlich abverlangen. 
Meint man nun, dem Hund damit seine Macht demonstrieren zu müssen, so erklärt man dem Hund im Grunde nichts anderes als: „Achtung, ich bin nicht zurechnungsfähig. Mir darfst du nicht vertrauen, da ich dir jederzeit lebensnotwendige Ressourcen streitig mache.“ Gewinnt man damit das Vertrauen seines Hundes? Eindeutige Antwort: Nein!
Glaubt man immer den veralteten Theorien, dass ranghohe Tiere den rangniedrigeren Tieren Beute wegnehmen, zuerst fressen usw., so sei hier gesagt: Dem ist nicht so! Ranghohe fressen weder grundsätzlich zuerst, noch luchsen sie rangniedrigeren Tieren grundsätzlich die Beute ab. Es mag durchaus vorkommen, dass das geschieht, jedoch nicht aus der Einstellung heraus, dass sie das Recht dazu haben.
Was geschieht, wenn ich als Hundehalter meinem Hund die Futterschüssel / das Futter beim Fressen wieder wegnehme?
Zum einen erkläre ich mich dem Hund gegenüber wirklich als nicht vorhersehbar. Scheinbar willkürlich entwende ich ihm die lebensnotwendige Ressource Nahrung.
Zum anderen kann es passieren, dass der Hund zum Schlinger wird, um möglichst schnell die „Beute“ in den Magen zu bekommen, damit der Mensch – ja nicht vorhersehbar – nicht die Chance bekommt, ihm die Nahrung zu nehmen.
Das sind noch zwei Folgen, die für manchen Hundebesitzer noch hinnehmbar sind. Kritisch wird es meist erst dann, wenn der Hund Knurren als Reaktion zeigt. Dann kommt der Hilfeschrei, man ist völlig entsetzt, dass der eigene Hund den Menschen angeknurrt hat, man hält den eigenen Hund für aggressiv usw.
Dabei ist Knurren als allererstes zunächst einmal ein Kommunikationsmittel, dem unter Umständen schon einige andere Kommunikationssignale wie Einfrieren, Steifwerden, Lefzenziehen usw. vorausgegangen sind. Der Hund teilt damit mit: „Bleib weg!“ oder „Ich möchte das nicht / ich möchte Abstand!“ Es ist also VÖLLIG normal, dass ein Hund, der gelernt hat, dass sein Halter nicht vorhersehbar plötzlich das Futter beansprucht, mitteilt, dass er das nicht möchte. Und es ist auch sein gutes Recht!
Man stelle sich nur vor, man selbst sitzt im Restaurant und isst gerade. Der Herr vom Nachbartisch springt auf und schnappt sich ihren Teller. Was tun? Na, ich bin mir ziemlich sicher, dass so ziemlich jeder REagieren würde. Und genau das tut der Hund auch. Nur mit dem Unterschied: Ihm gestehen wir diese Reaktion nicht zu.
Was geschieht im weiteren Verlauf? Hund knurrt – das Verhalten wird als völlig daneben eingestuft und umgehend unterbunden. Denn: „Mein Hund hat mich nicht anzuknurren!“
Damit nehme ich dem Hund ein Kommunikationsmittel – abgesehen davon, dass ich vorherige Signale wohl auch schon nicht wahrgenommen habe. Lernt der Hund nun, dass er sich durch Knurren nicht mitteilen kann/darf bzw. seine Bedürfnisse – in diesem Fall die Nahrungsaufnahme – nicht sichern kann, dann kann es unter Umständen sein, dass die nächste Stufe der Kommunikation erreicht wird: der Hund schnappt ab. Was sonst sollte er auch tun? Er wurde ja vorher schon nicht „ernst“ genommen.
Natürlich ist es nicht schön, wenn mich mein eigener Hund anknurrt. Jedoch muss mir bewusst sein, dass es hierfür einen triftigen Grund gibt. DEN gilt es zu finden und zu überdenken. Und nicht dem Hund die Kommunikation mit uns zu untersagen.
Übrigens ist es auch nicht anders, wenn man Kinder zu Hause hat. Auch das ist kein Argument, dass Hund sich Futter wegnehmen lassen muss. In erster Linie ist es die Pflicht der Eltern den Kindern – wenn das vom Alter her möglich ist – zu erklären, wie man sich einem Hund gegenüber zu verhalten hat, dass man ihn in Ruhe zu lassen hat wenn er frisst, schläft usw. Sind die Kinder kleiner, sodass man ihnen das nicht erklären kann, hat man schlicht Sorge dafür zu tragen, dass der Hund seine Ruhe hat. Hier heißt es: Aufpassen!
In diesem Sinne: Sollte man wieder einmal im World Wide Web zweifelhafte Erziehungsvorschläge lesen: Erst einmal mit gesundem Menschenverstand hinterfragen, wie sinnvoll wohl diese vorgeschlagene Maßnahme ist.
 
Futterwegnehmen