"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)
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Wenn vierbeiniger Freund sich in Szene setzt…

Es kommt doch hin und wieder einmal vor, dass ich im Training von den Teilnehmern Unmögliches verlange: Abruf ihres Hundes aus dem Freilauf.
Wenn es so weit ist, kommen abenteuerliche Begründungen, warum Fellnase gerade jetzt nicht in der Lage ist, zurückzukehren zu seinem Menschen, der ihn schließlich tagein und tagaus nach bestem Wissen und Gewissen versorgt. Schnell vergisst klein Bello, was sein Mensch für ihn bedeuten sollte…
„Eigentlich klappt das immer“, kommt entschuldigend seitens eines leicht frustrierten Frauchens. Szenen wie diese sind nicht selten im Training zu beobachten: Die Hunde toben über die Wiese. Auf mein Kommando hin ruft jeder seinen Hund zu sich und setzt ihn vor sich ab. Soweit die trockene Theorie. In der Praxis wird daraus gerne einmal ein amüsantes Schauspiel:
Frau Müller, so nenne ich hier die Stellvertreterin für viele, viele andere Hundehalter, die dieses Problem mit Sicherheit auch kennen, ruft ihren Hund Carlos ab, während die anderen Hunde schon brav bei ihren Besitzern sitzen. Carlos jedoch hat ganz andere Pläne und fängt freudig an, an einem scheinbar besonders wichtigen Grasbüschel zu schnüffeln. „Hach, da muss es aber guuuuut riechen!“, ruft Frau Müller entschuldigend über den Patz und wartet, bis Herr Carlos seinen Termin erledigt hat.
Carlos beobachtet seinen Menschen, was passiert. Und was passiert nun? Nichts.
Also trollt er sich weiter, da er offensichtlich nicht wirklich gebraucht wird. „Carlos! Hier her!“, donnert nun Frau Müller – schon sichtlich genervt und etwas peinlich berührt von dem flegelhaften Benehmen ihres Hundes – über den Platz.
Carlo schaut verwundert zu seinem Frauchen und entscheidet sich gegen eine Zusammenarbeit und setzt stattdessen seine Wanderung in Seelenruhe fort. Schließlich gibt es Dringenderes zu erledigen, nämlich – ganz in Rüdenmanier – Pinkelmarken zu setzen. Erleichtert, dass Carlos nun aber wirklich einen triftigen Grund hat, noch immer nicht zu seinem Frauchen zu kommen, wartet diese geduldig – und nichts passiert.
Nun setzt sich Carlos in Bewegung – sogar, man glaubt es kaum – in Richtung seiner Besitzerin, Frau Müller. Mit einem weiteren Blick zu den Teilnehmern trabt er auf seinen Menschen zu.
Könnte Carlos sprechen, dann hätte er jetzt anwesendes Publikum um Aufmerksamkeit für folgenden Akt gebeten. Erleichtert kramt Frau Müller ein Leckerchen heraus, hält es ihrem legeren Rüden unter die Nase. Doch dieser setzt noch eins drauf: Er läuft zum Wassernapf. Wieder hat Frau Müller eine Entschuldigung: „Es ist ja auch sehr warm heute, gell?“ Mit einem letzten „So-geht-Hund-mit-Mensch-um-Blick“ setzt sich Carlos neben sein Frauchen und bekommt das Stück Fleischwurst, das Frau Müller seit Minuten in der Hand hält, ins Maul geschoben. 
Zufrieden, alles im Griff zu haben, lässt der Rüde sich neben Frau Müller auf den Boden fallen. Der Hund hat das Theater nicht inszeniert, um sein Frauchen zu ärgern. Hunde fragen immer wieder nach, ob Absprachen, die man getroffen hat, noch gültig sind. Das machen sie untereinander und manchmal eben auch mit dem Menschen – vorzugsweise vor Publikum.
Carlos hat seinem Frauchen erklärt, dass heute die Entscheidungen vom Vierbeiner getroffen werden.
Wenn Sie derjenige in der Beziehung sein wollen, der die Entscheidungen trifft, dann tun Sie es auch.
 
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