"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden." (Edward Hoagland)

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Der entmannte Wirbelwind – oder: Kastration, ein Allheilmittel?

„Friiiiiiiiiiiihiiiiiiiiiiiiiiiiitz!“, schallt es lautstark aus dem Wald – von einem Menschen weit und breit nichts zu sehen. Von diesem Alarmruf aufgeschreckt, rufe ich meine Hunde zu mir und leine sie an. Weiß ich, wer oder was Fritz ist? 
Doch das Rätsel löst sich binnen Sekunden auf. Fritz ist ein vorwitziger Jack Russel, der zielgerichtet wie eine Langstreckenrakete auf mich und meine Hunde zustürmt. Mit Müh und Not kann ich diesem uneinsichtigen Wirbelwind erklären, dass meine Hunde keinen Kontakt zu ihm wünschen. Ich übrigens auch nicht….
Ein Herr mittleren Alters taucht nun auch zwischen den Bäumen auf – sichtlich abgehetzt und mit dicken Schweißperlen auf der Stirn. „Da bist du ja!“, schnauft der Herr und meint dann: „Schön, dass er Hunde zum Spielen gefunden hat.“ Nein, das hat er definitiv nicht und das erkläre ich Fritzchens Herrchen.
„Ja, wissen Sie, der Fritz ist solch ein Wirbelwind. Der ist überhaupt nicht zu bremsen. Jetzt ist er schon drei Jahre alt und wird einfach nicht ruhiger. Der will nur toben und nur, wenn er sich mit anderen Hunden austoben konnte, ist er glücklich. Dabei habe ich ihn nun doch extra schon mit 7 Monaten kastrieren lassen. Ja meinen Sie, das hätte geholfen? Da heißt es immer, dass die dann ruhiger werden. Nix war´s damit…“
Tja, das ist nur ein Mythos, der sich rund um die Kastration immer noch hartnäckig hält: Der kastrierte Hund wird ruhiger. Aber ist das wirklich so? NEIN, ist es nicht. Indem ich dem Hund Sexualorgane entferne – und das ist eine Kastration – nehme ich ihm eben diese Organe und damit Hormone. Ein Hund, der grenzenlose Ungehemmtheit zeigt, also wie Fritz unterwegs ist, wird durch eine Kastration nicht unbedingt ruhiger. Warum auch?
Der kleine Fritz wurde zudem viel zu früh kastriert. Mit gerade einmal sieben Monaten steckte er noch mitten in der Entwicklung und war vom Erwachsensein so weit weg wie ein Elefant von Yoga. Fakt ist, dass diese Entwicklung damit ab dem siebten Monat unterbrochen wurde und Fritz nun zeitlebens genau auf diesem Stand bleibt. Er wird natürlich größentechnisch weiterreifen, jedoch wurde ihm seine geistige Weiterentwicklung unwiderruflich genommen. Das heißt nun für Fritzchens Herrchen: Er hat bis zum letzten Atemzug von Fritz einen im Geiste sieben Monate alten Hund zu Hause.
Wer einmal einen Hund großgezogen hat, weiß, dass sieben Monate alte Hunde mitten in der Pubertät stecken, noch überhaupt nicht wissen, wer oder was sie sind. Armer Hund kann ich da nur sagen.
Dass immer mehr Hunde immer früher kastriert werden, ist ein Trend, der aus den USA zu uns schwappte. Dass inzwischen viele deutsche Tierärzte dies unterstützen ist haarsträubend!!! Es werden inzwischen 4 Monate junge Hündinnen kastriert, weil Halter keinen Nachwuchs wollen. Genau solch ein Fall ist mir bekannt – und nein, Hundehalter zeigten trotz Aufklärung keine Einsicht, die Verstümmelung ihres Hundes sein zu lassen. Ich als Hundehalter habe eine Verantwortung, mich um das Wohl meines Tieres zu kümmern. Dazu gehört eben auch, mit den Erscheinungen einer läufigen Hündin zu leben bzw. zu verhindern, dass es zu ungewolltem Nachwuchs kommt.
Auf die Menschenwelt übertragen würde das bedeuten, ein etwa vierjähriges Mädchen einer Totaloperation zu unterziehen, um zu verhindern, dass es als Erwachsene schwanger werden kann. Was hier – so hoffe ich doch – absolut indiskutabel ist, macht man bei unseren Hunden! Mit welchem Recht??
Laut Tierschutzgesetz §6 ist die Kastration eigentlich verboten (TSchG §6: Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn 1. der Eingriff im Einzelfall a) nach tierärztlicher Indikation geboten ist oder b) bei jagdlich zu führenden Hunden für die vorgesehene Nutzung des Tieres unerläßlich ist und tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen…). Ja, eigentlich…. Denn seltsamerweise gibt es gerade bei der Kastration offensichtlich genug tierärztliche Indikationen… Dass ungehemmte Grenzenlosigkeit eines Hundes oder ein Verhindern einer ungewollten Trächtigkeit bei einer in einem Haushalt lebenden Hündin eine Indikation für eine Kastration sein soll, erschließt sich mir persönlich nicht.
Wer glaubt, dass mit einer Kastration Verhaltensprobleme beseitigt werden, der sollte sich wirklich informieren, ob dem auch so ist. 
Wir sollten stattdessen vielmehr einmal unseren Umgang mit unseren Hunden überdenken, bevor wir uns diese zurechtschneiden lassen!

Lesetipp: Kastration und Verhalten beim Hund (Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer)

Kastration